Aztekenkalender

Der aztekische Sonnenstein - Opferungsaltar, und kein Kalender

Um zuerst mit einem gerne wiederholten Missverständnis aufzuräumen: Der oft als Aztekenkalender oder aztekischer Kalender bezeichnete Sonnenstein, oder auch Stein des Axayacatl, wurde tatsächlich nicht als Kalender genutzt, wenn er auch die zwanzig Tagessymbole ebenso zeigt wie die vier vergangenen Sonnenphasen.

 

Aztekenkalender Sonnenstein

Sonnenstein der Azteken - oftmals fäschlicherweise als Aztekenkalender bezeichnet

 

Der Sonnenstein war ein Opferungsaltar, auf dem der Sonnengott angebetet wurde und der die makabere Aufgabe hatte, die Unverhinderbarkeit von Menschenopfern zu symbolisieren. Deren Energie nämlich war unabdingbar, um die Sonne jeden Morgen mit Energie zum Leuchten zu versorgen.

Besichtigen lässt sich der Sonnenstein - oft auch als Aztekenkalender bezeichnet - übrigens im Museo Nacional de Antropologia y Historia in Mexico City.

 

Das erste der zwei aztekischen Kalendersysteme: Der Xihuitl

Was ist dann aber der Aztekenkalender wirklich? Zunächst gibt es wiederum nicht nur ein kalendarisches System, sondern derer zwei - mehr oder weniger voneinander unabhängig. Das eine dieser kalendarischen Systeme umfasst das dieserweltliche, bürgerliche Jahr der Azteken und wird Xiuhpohualli oder Xihuitl (Jahreszählung) genannt. Sich an der Sonne orientierend, beschreibt es die Tages- und Nachtrituale in Anlehnung an die Jahreszeiten, und deckt so die 365 Tage des landwirtschaftlichen Jahres ab: Eingeteilt in 18 Perioden zu je 20 Tagen, gefolgt von 5 "leeren" Tagen, den Nemontemi. In jedem der bürgerlichen Monate fand, meist in den letzten Tagen, ein jeweils auf das relevanteste, landwirtschaftliche Geschehnis abgestimmtes Fest statt, welches gleichzeitig auch dem gesamten Monat seinen Namen gibt. Hierzu zählen beispielsweise Cuahuitlehua (Das Nachlassen der Wasser) oder Etzalqualiztli (Das Bohnenbrei-Essen).

 

Das zweite der zwei aztekischen Kalendersysteme: Der Tonalpohualli

Der zweite, rituelle Kalender läuft über 260 Tage und wird in der aztekischen Sprache, dem Nahuatl, Tonalpohualli (Tageszeichenzählung), genannt. In der Aztekischen Kosmologie ist der Kalender auch als Heiliger Kalender bekannt, da seine für die aztekische Tradition extrem wichtige Funktion die Einteilung der Tage und Rituale gemäß den Göttern ist, ohne welche die menschliche Welt zu einem jähen Ende kommen würde. Die aztekische Kosmologie sieht die Welt in einem sehr sensiblen Gleichgewicht, in dem einander gegenüberstehende, göttliche Kräfte konstant um Machterlangung ringen. Die prekäre Balance, die gleichzeitig die Grundlage menschlichen Lebens darstellt, ist in der konstanten Gefahr, von diesem Machtkampf erschüttert zu werden - der allerdings auch von keinem Gott wirklich gewonnen werden kann. Um totales Chaos zu verhindern, muss jedem Gott eine ihm zustehende Kompetenz zuerkannt werden: Ein bestimmter Raum, eine bestimmte Zeit, eine bestimmte soziale Gruppierung, über die er herrschen kann. Der aztekische Kalender Tonalpohualli gibt Auskunft darüber, wie das Element der Zeit unter den Göttern aufgeteilt werden kann.

 

Das System des Tonalpohualli

Am besten kann man sich diesen Kalender als zwei miteinander verbundene Räder vorstellen. Auf dem einen Rad stehen die Zahlen "eins" bis "dreizehn" geschrieben; auf dem zweiten Rad sind zwanzig Symbole aufgezeichnet. In der ursprünglichen Stellung ist die Nummer eins mit dem ersten Symbol assoziiert, und steht dafür auch für den ersten Tag des Tonalpohualli. Beginnt dieser sich zu bewegen, verbindet sich die Nummer zwei mit dem zweiten Symbol zum zweiten Tag. Nach dreizehn Tagen ist eine Woche herum, und das Rad mit den Zahlen zeigt wiederum die "eins", während das andere Rad das vierzehnte Symbol zeigt. Erst nach 260 Tagen zeigen die initialen Zahlen und Symbol wieder aufeinander - und ein aztekisches Jahr ist vergangen.

 

Die Kombination der kalendarischen Systeme

Aus der Kombination der beiden Kalender entstand ein "Kalenderrad" von 52 Jahren (aztekisches Jahrhundert). Da die Azteken die Zeit anders als wir nicht linear auffassten, wurden nach diesen 52 Jahren in einem zyklischen Kreislauf Zeit und Welt zeremoniell neu geboren. Es wurde davon ausgegangen, dass in diesem Augenblick des Übergangs die weltliche Balance am gefährdetsten war.

Wenn am letzten Tag des alten Jahres der Stern Aldebaran aufging und keine Katastrophe statt gefunden hatte - die weltliche Welt also weiter bestand - wurde ein neues Feuer angezündet. Den höchsten Priestern wurde dabei die Aufgabe zu Teil, durch Menschenopfer die Götter friedlich zu stimmen. Der Überlieferung nach wurde dem Opfer das Herz aus der Brust gerissen, und in seiner Brusthöhle das Feuer der neuen Zeit entfacht. Dieses Feuer wurde im Anschluss durch Boten im ganzen aztekischen Reich verteilt, da vor dem 52-Jahr-Fest alle Feuer im Aztekenreich gelöscht worden sind. Diese Zeremonie war das bedeutendste Fest im Leben eines jeden Azteken.